DIE AZUBI-WG

Veronikas Einzug in die WG war dafür ein gutes Beispiel: Aus einem kurzen argwöhnischen Beäugen zweier einander fremden Mädchen wurde schnell eine innige Freundschaft. Inzwischen verbringen sie fast jeden Abend zusammen.

Wenn die Eine nach Hause kommt, liegt die Andere bereits „auf der Lauer“. Müdigkeit, Unlust, vielleicht sogar Tiefschlaf – alles Ausreden; das zählt nicht, wenn das Nachtleben ruft! Aufstehen anziehen – Zack! Schon sind beide wieder unterwegs. „Manchmal fehlt etwas Schlaf, aber das legt sich“, meint Jessica. Und Veronika ergänzt: „Es wird niemals langweilig.“

Wer in eine „Wohngemeinschaft“ einzieht, sollte für eine „Gemeinschaft“ zumindest offen sein. Zu sechst leben die jungen Leute in den Wohnungen der Diakonie Stetten zusammen. Gemischt werden sie ganz nach Bedarf: Wer eine Stelle antritt und eine Wohnung braucht, zieht eben da ein, wo grade was frei ist.

Leute in der WG immer zusammen

Jeder Mitbewohner hat sein Zimmer, ein mietfreies eigenes Reich von durchschnittlich 15 Quadratmetern Fläche. „Das Zimmer ist schon groß“, findet Jessica. „Manche sind talentiert und stellen ihre Möbel so, dass es noch größer aussieht.“ Besagte Möbel stehen schon drin, können aber nach Absprache umgestellt werden. Zum privaten Bereich gehören jeweils noch ein eigenes Bad und ein Balkon; eine Küche wird jeweils von drei Bewohnern gemeinsam genutzt.

Es gibt auch Zimmer ohne eigenes Bad, jedoch mit einem Gemeinschaftsbad in den einzelnen Wohneinheiten. Eine Waschmaschine steht im Keller und allen zur Verfügung. Freies W-Lan gibt’s auch – nur zum Streaming von Filmen reicht es meistens nicht aus.

 

Die Dekoration der Zimmer ist jedem selbst überlassen

Jessica

„Ein bisschen Gestaltungsspielraum braucht man ja schon, wenn man nicht wie im Hotel wohnen will“, findet Jessica, in deren Zimmer die Farbe Pink dominiert. „Angelehnt an die Hausordnung, kann man aus seinem Zimmer machen, was man möchte. Aufpeppen ist immer erlaubt.“ Der aktuelle Trend im Haus: Lichterketten! Veronika hingegen hat in ihrem Zimmer auf dunklere Töne gesetzt. Das Kernstück ist ihr Fernseher.

Putzen, einkaufen, aufräumen – wer zu welcher Zeit was zu tun hat, das organisieren die Wohngemeinschaften eigenständig und untereinander. Manche legen dafür einen Plan fest, nicht aber Jessica, Veronika & Co: „Wenn wir sehen, dass etwas zu tun ist, dann wird es einfach gemacht“, erklärt Jessica. „Wir motivieren uns dann einfach gegenseitig!“

Wenn Jessica und Veronika von ihrem Zusammenleben erzählen, geraten sie rasch ins Schwärmen. Voller Begeisterung berichten sie vom geselligen Beisammensein in den Aufenthaltsräumen – gerne mal 20 Leute in einem Zimmer –, vom gemeinsamen Kochen, Essen bestellen oder einem fröhlichen Spontan-Besuch beim Griechen. Sie sind Teil einer kleineren Clique, die den Großteil ihrer Zeit gemeinsam verbringt; wobei sich auch deren Zusammensetzung permanent ändert.

Die Veränderung durch dieses neue Leben bemerken die beide auch bei sich selbst. „Selbstsicherer“ sei sie geworden, findet Jessica. „Offener, spontaner und kontaktfreudiger“, ergänzt sie nach kurzer Überlegung, „sehr, sehr, sehr viel kontaktfreudiger!“ Früher einmal, in grauer Vergangenheit, habe sie manches „Hi!“ im Vorübergehen schon Überwindung gekostet – das hat sich in der Diakonie Stetten komplett gedreht. Die Gemeinschaft habe sie bewusst gesucht, sich auch genauso gewünscht. „Das war mein Ziel: Ein kompletter Neustart; dass sich hier etwas bildet, was sich zu Hause nie gebildet hat.“

Die Sechzehnjährige fühlt sich gut angekommen. Auch ihr Verhältnis zur Mutter habe sich gewandelt, mütterliche Ratschläge und Sorgen hätten nach zwei Monaten nachgelassen. Mittlerweile begegnen sich Mutter und Tochter auf Augenhöhe; unterhalten sich wie Erwachsene. „Sie freut sich, wenn ich Fotos schicke. Und wenn ich mal nachts unterwegs bin, dann wünscht sie mir einen schönen Abend.“

 

Frei sein, ungezwungen, sich entfalten...

Veronika

Veronika stellt ebenfalls fest, dass sie seit dem Auszug mit ihren Eltern deutlich besser zurechtkommt. „Man sieht sich seltener, vermisst einander mehr – und man geht sich vor allem nicht täglich wegen Kleinigkeiten auf die Nerven“, bringt es die 18-Jährige auf den Punkt. Jedoch fühle sich ihre Mutter manchmal auch vernachlässigt, weil Veronika nicht nur die neue Arbeit und den neuen Freundeskreis hat, sondern auch einen festen Freund, mit dem sie Zeit verbringen möchte.

„Wir sind da offen: Die Partner dürfen jederzeit zu Besuch kommen, dürfen auch mal hier übernachten“, sagt Simone Schwarz, die allen Bewohnern des Hauses als Kontaktperson und „gute Seele“ zur Seite steht. Die Anzahl der Übernachtungen ist allerdings auf maximal vier Termine pro Jahr beschränkt – zumal sich manche Partner schon als Dauergäste einquartiert und die Kühlschränke der anderen geplündert hätten. „Was über eine Woche hinausgeht, muss mit mir abgeklärt werden. Das akzeptiert auch jeder hier.“

Nicht nur hinsichtlich der Übernachtungen, auch in Sachen Selbstbewusstsein seiner Partnerin bekommt Veronikas Freund den Wandel der 18-Jährigen oft zu spüren. Wenn er abends mit dem Auto aus Pforzheim anreist, wartet er in ihrem WG-Zimmer auf ihre Rückkehr von der Arbeit. Und selbst dann hat er sie nicht unbedingt für sich allein: Veronika möchte auf ihren neuen Freundeskreis nicht verzichten und ihren Liebesten gerne dort integrieren. „Das mag er aber nicht so gerne“, sagt sie schulterzuckend. „Er geht dann meistens alleine ins Zimmer und wartet, bis ich nachkomme.“ Früher habe sie zu all seinen Vorschlägen immer Ja und Amen gesagt – das habe sich deutlich gewandelt.

Die WG sei ihr wichtig, weshalb auch ein Umzug in eine Pärchenwohnung für sie derzeit nicht zur Debatte stehe: „Das Thema hatten wir schon“, sagt sie und winkt ab. „Ich genieße diese WG total! Seit ich hier lebe, bin ich viel selbstständiger geworden, habe meinen eigenen Kopf – und lasse mir von ihm und anderen weit weniger sagen.“

Frei sein, ungezwungen, sich entfalten, sich ausleben und eigene Entscheidungen treffen – sich dabei gleichzeitig selbst finden, neu orientieren und den eigenen Platz in der Welt bestimmen. All das und vieles mehr ermöglicht die Azubi-WG in der wohl spannendsten und fröhlichsten Zeit des Lebens. Jessica und Veronika kosten ihre erste „eigene Wohnung“ voll aus. Mit allem, was dazu gehört. Es sei „das beste Leben“, das sie sich momentan vorstellen könnten. „Ich wöllte hier echt nicht mehr weg“, erklärt Jessica. Und auch nach ihrer Ausbildung, „wenn ich hier irgendwann mal raus muss“, ziehe es sie weniger in ein Single-Appartement, eher wieder in eine WG. „Ich brauche Leben, ich will Leute um mich herum haben.“ In der Azubi-WG, so betont sie, habe sie wahrlich ihr neues Zuhause gefunden. „Man muss hier lernen, stets einen Plan B zu schmieden.“

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