TRAUMBERUF MODERATOR

Mutig, schlagfertig, wortgewandt – und sich die eigene Bühne schaffen

Josh Kochhann

Eigentlich hatte er „nur“ einen Poetry Slam gewonnen. Damals, an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Weil jedoch die Regeln besagten, der Gewinner werde Moderator des folgenden Slams, fand sich Johannes Elster unversehens in der Rolle wieder, die er seither am liebsten bekleidet. Einst trat er bei um die 150 Slams pro Jahr auf – seinen vollen Esprit entfaltet er aber erst als der schlagfertige, kecke, um keinen Spruch verlegene Gastgeber, den nichts aus der Ruhe bringt.

Wie wird man Moderator? – Auf diese Frage vermag auch der Self-made-Host keine griffige Antwort zu geben. Wohl aber kennt er die „Werkzeuge“, deren Gebrauch man beherrschen sollte: „Man braucht ein gutes Gespür für die Abläufe, das Timing und für das Publikum“, zählt Johannes Elster auf. Klingt sehr theoretisch, bedeutet aber nichts anderes als: „Man muss erkennen, wie die Leute sich fühlen, was sie gerade brauchen, was die Show gerade braucht.“

Man darf keine Angst davor haben, nach vorne zu gehen, sein Ding zu machen!

Für Johannes „Hanz“ Elster war es ein Gewinn, dass er die neue Rolle auf vertrautem Terrain „antesten“ durfte. Beim Poetry Slam kennt er sich aus: Abläufe, Künstler und Publikum. Umso mehr, da er die Slams inzwischen in über 20 Städten selbst organisiert, unter anderem auch regelmäßig im Traumpalast in Schorndorf. Mit der Erfahrung aus mittlerweile über 1300 Slams in über zehn Jahren weiß er heute genau, wie er sich und sein Publikum gut durch den Abend bringt.

„Das Publikum will an die Hand genommen, will geleitet und auf Kurs gebracht werden.“ Wenn es beispielsweise einen tiefgründigen Text zu hören gab, schiebt Johannes nicht gleich den nächsten Künstler auf die Bühne, sondern gibt „den Leuten Zeit, zurückzukommen. Ich sammle sie ein und bringe sie wieder auf null.“ Wenn es Längen gibt, bringe er „Dynamik rein“; wenn es zu rasant wird, bremse er aus. „Als Moderator habe ich es in der Hand, ob es ein guter Abend wird“, weiß Johannes. „Ich kann jeden mittelmäßig besetzten Slam zu einem geilen Abend machen – oder einen hochkarätig besetzten Slam versauen.“

Ereignisse vorauszusehen, Reaktionen zu erahnen, Lösungen parat zu haben – „all das sollte man hinkriegen. Und man darf keine Angst davor haben, nach vorne zu gehen, sein Ding zu machen!“

Kann man denn so etwas überhaupt erlernen? – Johannes zuckt die Schultern: „Menschenkenntnis kann man sich antrainieren“, findet er. „Einfach dadurch, dass man häufig mit Menschen in Kontakt tritt, sie erlebt und reagieren sieht.“ Um die Stimmung bei den Zuschauern einschätzen zu können, sucht Johannes oft von der Bühne herab das Gespräch. „Dazu muss man schlagfertig, spontan und auf alles gefasst sein. Ich stelle mich dieser Herausforderung gerne – auch, um mich selbst nicht zu langweilen“, sagt er und lacht. Sein Patentrezept taugt allerdings nicht für jeden: „Ich muss eben so lange labern, bis ich den Witz für diesen Moment gefunden habe.“

Für alle Fälle hat der Moderator immer sein „Sicherheitsnetz“ dabei: Ein umfangreiches Repertoire an Anekdoten, von denen er sich 20 Stück pro Abend auflistet und je nach Situation einbringt. „Ich stehe nie auf der Bühne und weiß nicht, was ich sagen soll. Alles, was ich tue, dient einem Zweck.“ Wer sich mit dem jungen Mann unterhält, der an seinem Kakao ähnlich lässig nippt wie ein James Bond an seinem Wodka-Martini, begreift allerdings schnell, dass manch weniger coole Socke mit dem gleichen Ansatz wohl untergehen würde.

Moderieren bedeute eben doch mehr, als nur etwas anzusagen und dabei „moderat“ zu bleiben.

Josh Kochhann

 

„Falls nötig, stelle ich mich auch in den Vordergrund. Ich bin die einzige Konstante der Show. Im Zweifel sollten die Leute allein wegen mir schon Tickets kaufen.“

Wenn man drei-, viermal aufgetreten ist, und die
Sprüche nie so richtig zünden – dann liegt das vielleicht nicht am Publikum.

Mit der Sicherheit seiner selbst organisierten Slams im Rücken genießt Johannes die Möglichkeit, jeder Show seinen Stempel aufzudrücken: „Das Moderieren solcher Abende gibt mir mehr, als nur sechs Minuten auf der Bühne einen Text vorzutragen.“

Wer auf diese Art Erfahrung sammeln will, dem empfiehlt der Routinier, eine eigene Veranstaltung zu organisieren – einfach nur, um sie zu moderieren. „Zum Beispiel mal eine Open Stage. So kann man auf einer kleinen Bühne erste Schritte machen und ein Gespür dafür entwickeln, was funktioniert.“ Dazu gehört dann aber auch Selbstkritik: „Ein einziges Publikum ist nie repräsentativ. Wenn man aber drei-, viermal aufgetreten ist, und die Sprüche nie so richtig zünden – dann liegt das vielleicht nicht am Publikum.“

Johannes hat zunächst sein Abitur gemacht und ab 2006 studiert: Deutsch, Geschichte und Religion – Lehramt an Realschulen. „Ich war 17 Semester lang immatrikuliert, habe drei Prüfungsordnungen miterlebt.“ An der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg kam er erstmals mit Poetry Slams in Berührung, fand Gefallen daran, ging auf Tour und baute sich stetig eine Bühnenkarriere auf.

„Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich für die Slams vier bis fünf Tage pro Woche arbeite, fürs Studium nur einen.“

Mit den Slams verdiente er inzwischen genug Geld, um sich und sein Studium zu finanzieren. „Schließlich stand ich dann vor der Entscheidung: richtig machen oder gar nicht.“ Er hängte das Studium an den Nagel, hat sich exmatrikuliert und ist nun seit vier Jahren selbstständig.

Es wäre jedoch falsch, anzunehmen, dass das Studium umsonst gewesen wäre: Was er dort gelernt hat, zusammen mit seinen Erfahrungen auf der Bühne, vermittelt er inzwischen anderen Menschen bei Workshops und Coachings. Umgekehrt arbeitet er auch stetig weiter daran, seine Fertigkeiten weiter auszubauen: Schulungen zu Themen wie Rhetorik oder Atmung sind in Planung, um als Moderator noch viel professioneller zu werden. „Zumal ich inzwischen neben den Slams auch andere Veranstaltungen moderiere, brauche ich einfach noch etwas mehr Rüstzeug.“

Neben seinem beneidenswerten Talent und der offenen Art hat sich Johannes jedoch vor allem über gutes Gespür die eigene Professionalität erarbeitet: Er hat erkannt, was er braucht, hat Bücher gewälzt, Kurse besucht und viel trainiert. Zum Beispiel den Dialekt: „In meiner Anfangszeit habe ich auf der Bühne noch hart geschwäbelt.“ Auf seiner Tour im deutschsprachigen Raum wollte er jedoch in Berlin, München oder Zürich genauso gut verstanden werden wie daheim. Also hat sich das „Dorfkind“ aus Erbstetten sein Schwäbisch abtrainiert.

„Es hat gut vier Jahre gedauert. Ich hab das in mehreren Projekten gemacht: bestimmte Ausdrücke oder Klänge so lange bewusst vermieden, bis sie eben ganz weg waren.“ Wer Johannes reden hört, würde ihn sprachlich irgendwo in Norddeutschland verorten – das stimmt aber nur teilweise: „Ich habe mir meinen eigenen Dialekt aus vielen Einflüssen selber gebastelt: Norddeutschland, Österreich, Schweiz – aber kein Schwäbisch.“

Seine beste Moderation bisher sieht Johannes beim Finale der deutschsprachigen Poety-Slam-Meisterschaften 2016 in Stuttgart. 300 Slammer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren dabei, insgesamt 20 Veranstaltungen zogen über 10.000 Zuschauer an – und Johannes hatte den Event vor allem deshalb mit organisiert, um selbst das große Finale im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle moderieren zu dürfen.

„Dort haben sich dann mehrere Gäste über die miserable Akustik beschwert. Nach wenigen Minuten standen sie auf und wollten gehen.“ Johannes‘ Ehrgeiz war geweckt: „Diese Show lasse ich mir nicht entgleiten!“ Er hatte den rettenden Geistesblitz: Johannes lud die Gäste ein, sich die Show von der Bühne aus anzusehen. „Wir haben Stühle geholt und dann saßen da 80 Leute um mich herum, ordentlich mit Bier sediert – und waren wieder glücklich.“

In der Zeitung stand später, man hätte Johannes Elster an diesem Abend getrost sogar die Moderation von „Wetten, dass..?“ anvertrauen können. Unerschrocken, schlagfertig, spontan – alles richtig gemacht!

Uns erinnert Johannes indes an einen anderen TV-Großmeister: Genauso schlagfertig, manche Regel wird zugunsten denkwürdiger Show-Momente gerne mal zurückstellt - und er selbst ist der eigentliche Magnet seiner Shows.

Kochhann und Promis

„Günther Jauch ist mir sehr sympathisch“, findet Johannes. „Für ihn steht die Show immer an erster Stelle. Wer so einen Stil entwickelt und das Publikum unterhält, ist für mich ein echtes Vorbild.“

Bei freier Auswahl in der TV-Landschaft würde man Johannes Elster womöglich in so einer Quiz-Show, einer Talk-Runde oder einem Late-Night-Format antreffen. Dort, wo er Zuspieler hat, wo er Esprit und Schlagfertigkeit voll einbringen kann – und wo der „Dude in dem Anzug“ bei einer heißen Schokolade seinem erwählten Format den eigenen Stil und Stempel aufdrücken darf.

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