TRAUMBERUF Foodblogger

Langer Atem, sich selbst treu bleiben, einzigartig sein - „dann legt los!“

Es ist nur ein kleiner Bruchteil der Blogger, der es tatsächlich schafft, mit eigenen Inhalten Geld zu verdienen

„Als ich meinen Blog 2012 gestartet habe, war kaum daran zu denken, damit jemals Geld zu verdienen“, erinnert sich Mirja. Sie sitzt in ihrem Büro in Rudersberg, das sie sich mit ihrem Ehemann Jens, ebenfalls Blogger, teilt. Mit ihren beiden Seiten „kuechenchaotin.de“ (Mirja, seit 2012) und „kochhelden.tv“ (Jens, seit 2013) haben beide ihr Hobby zum Beruf gemacht.

Inzwischen sind die Blogs zwar nur noch ein Bruchteil ihrer Arbeit, dennoch werden sie fortgeführt – mit Leidenschaft und Herzblut. Denn die Blogs waren die Türöffner zu ihrer heutigen Geschäftswelt.

„Es hat lange gedauert, ist mit viel Arbeit und Zeit verbunden. Der Erfolg kommt nicht über Nacht“, schickt Jens voraus. Die meisten Blogs starteten nebenberuflich, eine Leserschaft müsse man sich erst erarbeiten. „Mancher hofft auf einen Volltreffer, der schnell viele Follower einbringt. Das ist aber mindestens genauso schwierig, wie als Schauspieler, Profi-Sportler oder Musiker berühmt zu werden“, bringt es Mirja auf den Punkt. Und Jens ergänzt: „Es ist nur ein kleiner Bruchteil der Blogger, der es tatsächlich schafft, mit eigenen Inhalten Geld zu verdienen – und davon zu leben.“

Bevor Mirja als Bloggerin durchgestartet ist, hat sie einen „normalen“ Beruf gelernt. Sie ist staatlich geprüfte Fotodesignerin und hat eine abgeschlossene Lehre als Fotografin. „Ich habe damals vor allem Menschen fotografiert. In meiner Freizeit habe ich zum Ausgleich angefangen, Essen zu fotografieren.“

Hierbei konnte sie sich künstlerisch austoben: „Ich durfte stundenlang an einem Motiv arbeiten und alles so arrangieren, wie ich es haben wollte.“ Kochen konnte sie damals kaum: „Ich habe einfach rumprobiert.“

Die heute 29-Jährige machte nie ein Geheimnis daraus, dass sie sich das Kochen „nur so nebenbei“ angeeignet hat: „Die Küchenchaotin find‘ ich cool, weil die nicht kochen kann und das auch sagt!“ Diesen Satz hat Mirja in den Anfangszeiten mal auf einer Messe gehört. Heute kann sie es zwar schon, das Kochen, aber damals war sie glücklich, dass ihre Message richtig rüberkam.

„Es geht mir um Authentizität. Die Menschen konnten zusehen, wie ich das Kochen gelernt habe, und wir haben gemeinsam geschaut, wohin das führt.“ Bis heute gelte: „Was ich koche, das schafft jeder.“

Mirja Glatz

Jens seufzt: Nur das „Küche aufräumen“, das schaffe seine Frau leider selten: „Wenn sie gekocht hat, versinkt die Küche im Chaos.“ – Aber hey, der Name „Küchenchaotin“ kommt ja auch nicht von ungefähr.

 

Ich bezeichne mich nicht selber als den Kochhelden, sondern ich mache meine Follower zu Kochhelden

Auch Jens hat seine Wurzeln in einem anderen Beruf: Der studierte Betriebswirt war Vertriebsleiter einer Druckerei – und hatte damals, wie man bei uns so schön sagt, „ein Bäuchle“. Über eine Umstellung der Ernährung und Sport gelang es ihm, 20 Kilo dauerhaft abzuspecken.

„Ich fand das so faszinierend, wie der Körper auf diese Ernährungsumstellung reagiert hat, dass ich es anderen Menschen mitteilen wollte.“ Er bildete sich weiter zum Fitness-Coach und Ernährungsberater. Heute weiß er: „Gutes Abnehmen besteht zu 70 Prozent aus Ernährungsumstellung und zu 30 Prozent aus Sport.“ Er erstellte eine Webseite, um „selbst entwickelte Rezepte allen Menschen zur Verfügung zu stellen“.

Mit dem Thema traf er einen Nerv: Die Zeitschrift „Men’s Health“ bestellte 16 Videos und berichtete in vier Ausgaben über die Tipps des Bloggers. „Die Videos sind heute noch auf deren Webseite zu finden“, sagt Jens stolz. Mit dieser Verbreitung bekam sein Blog gewaltig Auftrieb, weitere Aufträge kamen herein und Firmen begannen sich für ihn zu interessieren.

„Was manche allerdings nicht begreifen, ist: Ich bezeichne mich nicht selber als den Kochhelden, sondern ich mache meine Follower zu Kochhelden“, unterstreicht der 42-Jährige. „Ich zeige ihnen den Weg dorthin, damit wir alle Helden sein können.“ Es ist ein schmaler Grat für Influencer zwischen künstlerischer Unabhängigkeit und kommerziellem Erfolg. Von Klicks der Freunde und Verwandten können sie nicht leben.

Wer den „Blogger“ zum Beruf macht, der braucht Aufträge. Und muss vorab genau abwägen, inwieweit man sich für die Kunden „verkauft“. Mirja hat anfangs sämtliche Anfragen abgelehnt: „Ich bin heute froh darum, weil so mein Blog nie zum Grabbeltisch wurde.“ Geändert hat sich das erst, als die „richtigen“ Firmen angefragt haben: „Ich arbeite nur mit Firmen zusammen, deren Produkte ich persönlich mag.“

Hierdurch wird der Blog für den Leser glaubwürdig: „Nur so bleibt man erfolgreich: Ich habe Prinzipien, davon weiche ich nicht ab.“ Obwohl das bedeute, dass immernoch 80 Prozent aller Anfragen abgelehnt würden, wenn Marken oder Angebote nicht zu ihr und dem Blog passten.

Jens Glatz

„Durch so eine Authentizität wird man selbst zur Marke und zieht einen speziellen Stamm an Followern an“, weiß Jens. „Das macht einen interessant für Firmen, denen es um Glaubwürdigkeit bei dieser Zielgruppe geht.“

 

Der Leser taucht ein in das Erlebte, er ist mit mir dort und kann dann meine Erfahrung zu Hause selbst schmecken!

Mirja nickt: „Mein Blog ist mein Baby. Würde ich die darin steckende Überzeugung verkaufen, hätte ich keine Freude mehr daran.“

Beide Blogs beschäftigen sich mit dem Kochen, aber zugleich mit dem Reisen; es sind sogenannte „Food- & Travel-Blogs“. „Diese Themen lassen sich wunderbar verbinden, weil beides mit Genuss, mit persönlicher Erfahrung zu tun hat. Und weil beides emotional behaftet ist“, erklärt Jens.

Meistens verreisen Mirja und Jens gemeinsam, trotzdem gibt es später kaum Überschneidungen bei ihren jeweiligen Blog-Beiträgen, da Mirjas Blog auf vegetarische und Jens‘ Plattform auf ausgewogene Ernährung fokussiert ist. Oft sind es Pressereisen, für die einer von beiden gebucht wurde, wobei der andere als Begleiter mitfährt:

Mirja hat beispielsweise schon über die Süßkartoffeln in North Carolina, Erdbeeren in Spanien oder Blaubeeren in Kanada berichtet. Bei all diesen Reisen war Jens mit seinem Blog ebenfalls gebucht, hat sich aber auf andere Themen konzentriert:

In Kanada sind so beispielsweise Beiträge zu Lobster und Co im amerikanischen Norden entstanden.

Indem die beiden Blogger natürlich wachsende Produkte in ihren Herkunftsländern, mit den dortigen Menschen und eigenen Rezepten in Verbindung bringen, lassen sich besondere Geschichten erzählen: „Der Leser taucht ein in das Erlebte, ist mit mir dort und kann meine Erfahrung zu Hause selbst erschmecken“, erklärt Jens. Das kommt an! Maximal zwei solche Reisen unternehmen Mirja und Jens pro Jahr: „Mehr als das wäre zu aufwendig“, meint Jens. „Es ist kein Urlaub, eher ein Arbeiten in der Sonne. Die Termine sind eng getaktet, die Tage verplant – es ist eben ein Job.“

Zusätzlich fährt das Paar noch bis zu dreimal jährlich privat in die Ferne – aber auf eigene Rechnung. Die Trennung zwischen Presse- und privaten Reisen legen beide dem Blogger-Nachwuchs ans Herz: Wer Reisen und Speisen abstaube, wer reich und berühmt werden wolle, mache sich als Blogger unglaubwürdig – und gehe oft unseriösen Angeboten auf den Leim.

Reiseblog

Mirja und Jens kennen „schwarze Schafe“ auf beiden Seiten: Blogger, die unverschämte Forderungen für minimale Leistung stellen.

 

Aber auch Firmen, die für viel Leistung nichts bezahlen wollen. „Wir wollen niemandem etwas schuldig sein“, bringt es Jens auf den Punkt. „Wenn ich Urlaub machen will, dann buche und bezahle ich das. Wenn ich darüber etwas in meinem Blog schreiben will, kann ich das tun, muss aber nicht.“ Die Inhalte will er sich nicht diktieren lassen: „Wir liefern keine Werbeartikel. Wenn wir Geld bekommen, dann nur für die Arbeit, die wir in einen Artikel investieren – nicht aber für unsere Meinung. Die ist nicht käuflich.“ Wer jetzt immer noch denkt, dass die zwei Food- & Travel-Blogger ihren Alltag chillen, unterschätzt den Aufwand, der hinter jedem kurzen Video, hinter jedem Text- oder Fotobeitrag steckt.

Seit 2019 sind „kuechenchaotin.de“ und „kochhelden.tv“ Marken der gemeinsamen Agentur „Glatz Media GmbH“ von Mirja und Jens, mit der sie zudem auch Video- und Fotoproduktionen für externe Auftraggeber anbieten, Showcooking auf Bühnen sowie die Produktion von Inhalten für andere Kanäle. Sie beliefern zum Beispiel ein Content-Netzwerk von ARD und ZDF mit Bildern, Videos und interaktiven Elementen rund ums Thema Essen. „Das ist unser Bildungsauftrag: ausgewogene Ernährung für junge Leute, gewürzt mit kulinarischem Grundwissen, garniert mit ein wenig Atmosphäre“, resümiert Jens.

Rezept

Die Inhalte für die junge Zielgruppe werden selbst erdacht, organisiert, umgesetzt, eingestellt und betreut. Es gibt einen Redaktionsplan, wann was wohin online geht. „Das ist für Außenstehende, die hier reinschnuppern, oft enttäuschend“, weiß Mirja.

Ihr Alltag als Bloggerin sei eben nicht der Glamour beim Dreh im exotischen Ausland – sondern die Excel-Tabelle, die Planung, Mails beantworten und Rechnungen schreiben. „Wenn wir ein Video drehen, macht der Dreh 30 Prozent der Arbeitszeit aus, 70 Prozent frisst der Schnitt“, bricht Jens herunter. Und Mirja fast zusammen: „Es ist nicht alles happy, happy, hüpf, hüpf. Solange aber die Leute denken, das sei total easy, haben wir es richtig gemacht. Schwere Arbeit leicht aussehen lassen – das ist die Kunst.“

Verträge und Kooperationen sichern das Auskommen, bedeuten aber auch Schuldigkeit gegenüber Kunden, die sich auf fristgerechte Lieferungen verlassen.

 

Showcook

„Wir können nicht in den Tag hineinleben“, dämpft Jens den Freigeist. „Es ist ein toller Job, der viele Möglichkeiten eröffnet und Spaß macht – trotzdem arbeiten wir täglich acht Stunden, oft mehr. Wir sind ein Unternehmen mit Verbindlichkeiten und Verpflichtungen gegenüber Mitarbeitern und Kunden.“

Mirja nickt: „Es ist kein Hippie-Leben.“ Ihre „alten“ Berufe waren übrigens keines Zeitverschwendung, sondern sind den Bloggern heute sogar nützlich: bei der Arbeit, als Sicherheitsnetz und als seriöses Argument bei Kunden: Mirjas Background als Fotografin bringt Vorteile in der Produktion. Jens‘ Kenntnisse in BWL tun der Firmenleitung gut.

„Würde ich heute mit dem Ziel Blogger eine Ausbildung machen, würde ich bei der Hochschule der Medien oder an der Filmakademie landen“, vermutet Jens. Womöglich in der Schnitt-Technik: „Dann weiß man, was man tut, die Leute sehen so was. Und was man selber kann, muss man nicht einkaufen.“

Die Eine-Million-Dollar-Idee ist für den „Traumberuf Blogger“ sicherlich von Vorteil. Ansonsten führen jedoch nur Fleiß, Ausdauer, vernünftige Planung und harte Arbeit zum Ziel. Zumindest, um dorthin zu kommen, wo Mirja und Jens stehen: ihr Häuschen und den Lebensunterhalt als Influencer und Blogger zu finanzieren. „Man sollte sich nicht blind auf den Erfolg verlassen und lieber ordentlich vorarbeiten. Ein Plan ist immer gut, zwei Pläne sind noch besser“, rät Jens. „Die Konkurrenz ist groß. Anfangs verdient man wenig bis gar nichts.

Wenn du aber zu alldem bereit bist, nicht als Traumtänzer durchstarten willst und in deinem Bereich außergewöhnlich bist – hey, dann leg‘ los!“

Azubi-News

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